Man könnte es folgendermaßen zusammenfassen: Der Axiologe muss den Skandal des Werteproblems erfassen – das heißt die Nichtbegründung der Werte und die extremen axiologischen Positionen, die sich aus diesem Grund nicht zurückweisen lassen. Doch anstatt in die Gemütsverfassung zu verfallen, zu der ein skandalöses Phänomen gewöhnlich führt – nämlich die der Empörung –, muss er alle seine Werturteile suspendieren und sich einer axiologischen Epoché unterziehen.
Warum? Drei Gründe scheinen dafür zu sprechen.
Erstens, weil dies – so scheint es – die Gemütsverfassung ist, die sich logisch aus unserer Unwissenheit ergibt, wenn man ehrlich mit sich selbst ist. Wenn wir wüssten, warum der Nihilismus eine fehlerhafte axiologische Position ist – das heißt, wenn wir in der Lage wären, die Werte zu begründen –, dann könnten wir den Nihilismus zurückweisen und uns vielleicht sogar über ihn empören, weil wir dann den Grund für eine solche Zurückweisung kennen würden. Aber da wir dies nicht wissen, ist eine solche Zurückweisung unmöglich, und das führt uns zur Suspendierung unserer axiologischen Urteile.
Zweitens, weil der Mensch ohne diese Gemütsverfassung – so scheint es uns – nur gereizt auf die Suche nach der Bestimmung der Werte, auf das Projekt einer Axiologie reagieren kann. Er hält naiv an seinen Werturteilen fest, ist gewissermaßen in ihnen verfangen. Er lebt in völliger Übereinstimmung mit den Zielen, die er sich gesetzt hat; nichts hat je den Kern seines Lebens erschüttert; er stimmt mit sich selbst überein, kennt keinen Zweifel. Es ist sinnlos, einem solchen Menschen das axiologische Projekt zu erläutern. Er wird es nämlich nicht ertragen, dass der Wert dessen, was er liebt, in Frage gestellt wird, und jede Schlussfolgerung zurückweisen, die seiner Liebe widerspricht.
Man kann also einen einfachen Test vorschlagen, mit dem jeder Geist prüfen kann, ob er für das axiologische Projekt empfänglich ist: Kann er es ertragen, wenn man zur Schlussfolgerung gelangt, dass das, was er liebt, keinen Wert hat? Oder ist er fähig, seine Vorlieben zu ändern, wenn man ihm nachweist, dass sein derzeitiger Geschmack ein schlechter Geschmack ist? Oder wird er jede Begründung zurückweisen, um seine (vermeintliche) Liebe zu bewahren?
In diesem Fall wird er für uns wie ein Stein: Kein unserer Argumente wird ihn erreichen; wir stehen nicht mehr auf demselben Boden; es gibt keinen Austausch mehr. Er ist taub für uns, also unverwundbar – aber zugleich spricht er auch nicht zu uns. Er kann uns also nicht gefährlicher werden als jener Stein am Wegesrand.
Drittens, weil es wahrscheinlich unmöglich ist, Werte zu begründen, wenn man nicht wenigstens einmal im Lauf der Untersuchung denjenigen axiologischen Lehren eine Chance gegeben hat, die man zu widerlegen versucht. Wir müssen neutral sein, wenn wir unparteiisch bestimmen wollen, was Wert hat und was nicht. Um aber neutral zu sein, müssen wir in einem bestimmten Moment unserer Überlegungen alle denkbaren Werturteile mit gleichem Respekt als ernstzunehmende axiologische Positionen betrachten. Wenn man das, was einem absurd oder empörend erscheint, einfach mit einem Schulterzucken abtut, verliert man jede Chance, das Problem der Werte in der Tiefe zu begreifen – und somit auch jede Chance, es zu lösen.
Zwei Charaktertypen werden also, wie es scheint, für immer unempfänglich bleiben für das Projekt einer Axiologie: zunächst jene, die den Skandal der Nichtbegründung der Werte nicht erfassen, und die – wie zum Beispiel die Intuitionisten – behaupten, der Mensch wisse von Natur aus und unmittelbar, was einen Wert habe (was, wie durch Zufall, das traditionelle Dreigestirn des Wahren, Guten und Schönen ist); und zum anderen jene, die es zwar geschafft haben, sich vom Skandal der Werte und von den extremen axiologischen Positionen berühren zu lassen, sich aber in das sterile Gefühl der Empörung flüchten, in dem sie eine Antwort auf das axiologische Problem suchen – was selbstverständlich unmöglich ist.
Die Bedeutung dieser Urteilsenthaltung ist vielleicht schwer zu erfassen. Vielleicht wird sie deutlicher, wenn wir uns an der cartesianischen Epoché orientieren, die sich in ihrer Radikalität jener axiologischen Epoché annähert, die wir vorschlagen. Doch ist der cartesianische Zweifel wirklich radikal? Ist er tatsächlich ein Modell für jemanden, der sich aller Werturteile entledigen will? Untersuchen wir Descartes’ Vorgehensweise, um dies zu klären.