2) Weitere extreme axiologische Positionen
Man kann sich eine weitere extreme axiologische Lehre vorstellen, die – im Gegensatz zum Nihilismus – behauptet: „Alles hat einen Wert“. Wir schlagen vor, eine solche Position als „Eklektizismus“ zu bezeichnen.
Diese Lehre besteht darin, zu behaupten, dass jede einzelne Sache einen Wert besitzt – selbst jene, die als fehlerhaft oder unvollkommen erscheinen. Tatsächlich haben sogar jene Dinge, die von den Menschen gemeinhin gehasst oder verachtet werden (wie das Übel, das Leiden …), einen grossen Wert.
Eine solche axiologische Position scheint sich in bestimmten Grundideen des Stoizismus wiederzufinden. Der Stoizismus lässt sich selbstverständlich nicht auf den Eklektizismus reduzieren, doch wir wagen zu behaupten, dass einige zentrale Texte der stoischen Philosophie diese Lehre in besonders eindrücklicher Weise veranschaulichen.
Zum Beispiel in folgendem Text:
Selbst die Zufälle, die sich zu den natürlichen Erzeugnissen gesellen, haben etwas Anmutiges und Reizvolles. Das Brot etwa reisst beim Backen an gewissen Stellen auf – und diese Risse, die gewissermassen gegen die Kunst des Bäckers entstehen, haben doch eine gewisse Schönheit und regen besonders den Appetit an. Ebenso öffnen sich Feigen, wenn sie ganz reif sind; und bei den vom Baum gefallenen Oliven erhält die Frucht, kurz bevor sie verfault, einen besonderen Glanz.
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Und die Ähren, die sich zur Erde neigen, die Haut auf der Stirn des Löwen, der Schaum, der aus dem Maul der Wildschweine tritt – viele Dinge, die für sich genommen alles andere als schön sind, tragen, dadurch dass sie das Werk der Natur begleiten, zu dessen Schönheit bei und werden anziehend.
Ein Mensch, der tiefes Empfinden und Verständnis für das Geschehen im Ganzen hätte, würde daher kaum etwas finden, das nicht einen besonderen Reiz in sich trägt.
Diese stoische Idee eines absoluten Werts der Welt – auch und gerade in ihren scheinbar unvollkommenen Teilen – nähert sich, wie man sieht, dem Grundgedanken des Eklektizismus an: Alles hat einen Wert.
Diese Haltung führt den stoischen Weisen dazu, alles, was ihm widerfährt – selbst das Katastrophalste – mit Gelassenheit hinzunehmen. Denn all dies ist Teil jener Welt, für die er entbrennt, und die er preist:
Was immer dir gefällt, o Welt, das gefällt auch mir […]
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Was immer deine Jahreszeiten hervorbringen, o Natur, ist für mich Frucht.
Die Welt, das grosse Ganze, hat einen absoluten Wert, denn sie ist Kosmos und nicht Chaos – ein Prinzip von Ordnung, Harmonie und Rationalität. Die Ereignisse geschehen darin nicht zufällig, sondern alles vollzieht sich nach den Gesetzen der reinsten Notwendigkeit: Was auch immer dir widerfährt, war dir von Ewigkeit her bereitet, und die Verkettung der Ursachen hat auf ewig sowohl dein Wesen als auch diesen Vorfall miteinander verbunden.
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Und doch scheint sich der Stoizismus vom Eklektizismus zu unterscheiden, da der Stoizismus gewisse menschliche Verhaltensweisen verurteilt: das Klagen, die Rebellion, die Ablehnung einzelner schmerzhafter Ereignisse, die uns widerfahren können. Durch diese Verurteilung schreibt er solchen Haltungen einen negativen Wert zu – ein Begriff, der dem Eklektizismus fremd ist. Warum aber diese Verurteilung?
Zunächst gilt: In einer Welt, die striktem Determinismus unterworfen ist, ist es sinnlos, sich zu wünschen, dass etwas anderes geschieht als das, was tatsächlich geschehen ist. Wenn es von Ewigkeit her feststand, dass mein Kind genau an diesem Tag sterben würde, und es unmöglich war, diesem Schicksal zu entgehen, dann ist es nutzlos, sich zu widersetzen oder zu beklagen, wenn ein solches Ereignis eintritt. Widerstand hat nur dann Sinn, wenn ich den Lauf der Dinge ändern kann. Der Tod eines Nahestehenden ist nur dann schmerzlich oder empörend, wenn er zufällig eingetreten ist und ebenso gut hätte später eintreten können.
Der Mensch, der sich beklagt oder gegen die Welt auflehnt, ist also der Unwissende, der nicht verstanden hat, in welcher Art von Welt er lebt – der nicht begriffen hat, dass eine unerbittliche Notwendigkeit herrscht, die seine Rebellion sinnlos und damit absurd macht. Vor allem aber gilt für den Stoizismus: Wenn der Mensch sich über gewisse Ereignisse beklagt, zeigt er das lächerliche Schauspiel eines Teils, das sich vom Ganzen abtrennen will, um unabhängig von ihm zu leben.
Dieser masslose Hochmut ist nicht nur deswegen tadelnswert, weil er ein unerfüllbarer Wunsch ist – der Rebell wird in Wahrheit, als ein Teil, der sich vom Ganzen abspaltet, zu einer Geschwulst der Welt: Die Seele des Menschen fügt sich selbst vor allem dann Schaden zu, wenn sie – so weit es an ihr liegt – zu einer Geschwulst und einem Abszess der Welt wird. Sich über irgendein Ereignis zu erzürnen heisst, sich ausserhalb der Natur zu entwickeln, in der – als Teile – sowohl die Natur eines jeden als auch alles Übrige enthalten ist.
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Man erkennt also: Der Stoiker verurteilt eine ganze Reihe von Verhaltensweisen – und damit besteht der Stoizismus nicht in der Behauptung eines universellen Wertes aller Dinge, Handlungen und Ereignisse. Das aber unterscheidet ihn grundlegend vom Eklektizismus.
1. Mark Aurel, Selbstbetrachtungen, III, II
2. Ibid., I, XXIII
3. Ibid., X, V
4. Ibid., II, XVI