Descartes stützt sich auf ein zweites Argument, um den Wert Gottes zu zeigen: Er vertritt die axiologische Position, dass Sein gleichbedeutend mit Wert (oder Vollkommenheit) ist und dass eine Sache also umso mehr Wert oder Vollkommenheit besitzt, je mehr Grade objektiver Realität sie aufweist.
Infolgedessen stehen Substanzen im Wert höher als Akzidenzen: Die Ideen die mir Substanzen vorstellen, sind zweifellos etwas Höheres und enthalten in sich (wenn man so sagen darf) mehr objektive Realität, das heisst, sie nehmen durch Vorstellung an mehr Graden des Seins oder der Vollkommenheit teil als jene, die mir nur Modi oder Akzidenzen vorstellen
1.
Diese Gleichsetzung von Sein und Wert führt dazu, dass Gott der höchste Wert, die höchste Vollkommenheit ist, weil er das Wesen mit dem höchsten Maß an objektiver Realität ist – und zwar aus zwei Gründen.
Zunächst, weil er unendlich ist (was bedeutet, dass sein Sein keinerlei Einschränkung oder Verneinung kennt – er ist in vollem Umfang Seiendes): Ich begreife Gott als tatsächlich unendlich in einem so hohen Grad, dass seiner souveränen Vollkommenheit nichts hinzugefügt werden kann.
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Und sodann, weil er sich selbst das Dasein verleiht: Wenn eine vernunftbegabte Natur unabhängig ist, dann ist sie Gott; denn wenn sie ihr Dasein aus sich selbst hat, so können wir nicht daran zweifeln, dass sie sich ebenso viel Vollkommenheit verliehen hat, wie sie erkennen konnte.
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Diese Gleichsetzung von Sein und Wert hat als logische Folge, dass dem Nichts kein Wert zukommen kann: Es stellt sich meiner Vorstellung […] eine gewisse negative Idee des Nichts dar, das heisst von dem, was unendlich weit entfernt ist von jeglicher Vollkommenheit.
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Doch diese axiologische Position – dass das Nichts keinerlei Wert hat, während das Sein einen Wert besitzt – kann nicht als evidente Wahrheit gelten; genau das nämlich bestreitet der Nihilismus. Auch der Träumer widerspricht ihr, wenn er behauptet, dass das Nicht-Existierende, das Geträumte oder Erfundene, mehr Wert habe als das niederträchtig Reale.
Das Vorhandensein einer solchen unbegründeten Doktrin scheint zu zeigen, dass Descartes zwar durch seinen radikalen Zweifel seine erkenntnistheoretischen Gewissheiten in Frage gestellt hat, seine axiologischen Gewissheiten jedoch nicht demselben Verfahren unterzogen hat.
Auch hier zeigt sich also: Das zweite Argument, mit dem Descartes den Wert Gottes beweisen will, entbehrt einer soliden und gesicherten Grundlage.
Schließlich besteht das dritte Argument, das Descartes entwickelt, um zu beweisen, dass Gott den höchsten Wert besitzt, in einer axiologischen Position, wonach die Ursache offensichtlich mehr Wert (oder Vollkommenheit) habe als die Wirkung: Ich habe Gott so sehr die Würde zugeschrieben, Ursache zu sein, dass man daraus nicht schliessen kann, ich hätte ihm auch die Unvollkommenheit zugeschrieben, Wirkung zu sein.
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Diese axiologische Position ist uns bereits in unserer Nietzsche-Analyse begegnet6, und wir haben gesehen, dass dieser aristokratische Gedanke durchaus fragwürdig ist: Was aus einer verachteten Herkunft stammt, kann seinen Ursprung an Wert weit übersteigen; anders gesagt: Die Wirkung kann größer sein als die Ursache. Wir haben das Beispiel Napoleons angeführt, der aus einer bescheidenen Familie Korsikas stammte, oder das Beispiel des Flusses, der seine Quelle an Größe unendlich überragt. Den axiologischen Materialismus könnte man als jene Doktrin definieren, die behauptet, dass das Niedere (chemische Partikel, biologische Zellen) die Ursache des Höheren ist (Bewusstsein, Geist usw.) – dass also die Wirkung stets höher steht als die Ursache.
Wir sagen daher: Wenn die zweite axiologische Position Descartes' wahr sein kann, dann kann auch ihr Gegenteil wahr sein – und somit ist jene Position nicht begründet, nicht unbezweifelbar: sie ist zweifelhaft. Sie kann also nicht als absolut sichere Wahrheit gelten, wie Descartes es vorauszusetzen scheint. Wie schon die erste axiologische Position ist auch diese offenbar nicht dem radikalen Zweifel unterzogen worden; zwei grundlegende Dogmen entziehen sich also diesem Zweifel.
Fassen wir zusammen: Die Wahl des Begriffs „Vollkommenheit" zur Bezeichnung dessen, was man unter Wert versteht, sowie diese drei axiologischen Positionen verflechten sich zu dem, was man Descartes' implizite Wertlehre nennen könnte.
Wir haben gesehen, dass jeder dieser Punkte problematisch ist und dass Descartes' axiologische Lehre daher nicht unbedingt falsch, aber zumindest zweifelhaft ist. Als solche müsste sie eigentlich der Epoché, der Urteilsenthaltung, unterzogen werden – also jenem radikalen Zweifel, dem Descartes alle unsicheren Ideen zu unterwerfen vorgibt. Doch wie wir sehen, geschieht dies nicht. Diese Wertlehre wird übrigens weder in der ersten noch in der zweiten Meditation ausdrücklich formuliert oder verwendet – also genau in jenem Abschnitt, in dem Descartes zweifelhafte Ideen zurückweist –, sondern erst in der dritten Meditation, das heißt nach dem Cogito, in dem Descartes behauptet, folgende unbezweifelbare Wahrheit erkannt zu haben: Ich bin, ich existiere, ist notwendigerweise wahr, sooft ich es ausspreche oder in meinem Geist erfasse.
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Die Schwierigkeit des Übergangs von dieser ersten Wahrheit zu einer zweiten wird damit deutlich. Wie soll Descartes von dem Ich, dessen Existenz er gesichert hat, zur Wahrheit der Welt gelangen? Er muss – wie bekannt – die Wahrheit eines „Mittlers" erfassen: Gottes. Und das von Descartes bis dahin streng eingehaltene Gebot, nur unbezweifelbare Wahrheiten zuzulassen und zweifelhaften Überlegungen keinen Raum zu geben, bleibt selbstverständlich bestehen. Der weitere Erkenntnisweg muss sich auf absolut sichere Wahrheiten stützen.
Unsere These ist nun, dass genau an dieser Stelle – in dem Moment nämlich, in dem Descartes versucht, von seinem Ich aus über die Vermittlung Gottes zur Welt zurückzukehren – seine zweifelhafte axiologische Lehre ins Spiel gebracht wird, obwohl in diesem Moment einzig und allein unbezweifelbare Urteile zugelassen sein dürften.
1. Dritten Meditation
2. Ibid.
3. Brief an Fermat vom 15. November 1638
4. Vierte Meditation
5. Antwort auf die vierten Einwände
6. Buch I
7. Zweiten Meditation