Eine Seite über Ethik und Wertphilosophie

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Unsere These lautet daher: Auch der schöpferische Subjektivismus ist lediglich eine verkleidete Form des Nihilismus – und das wird offensichtlich, wenn wir Nietzsche genauer lesen.
Wir werden also sehen, dass sich bei Nietzsche ein latenter Nihilismus bemerkbar macht.
Wir hatten bereits festgestellt, dass, wenn der Mensch den Dingen Werte verleihen muss, dies bedeutet, dass sie an sich keinen Wert haben – ein Schlüsselsatz, der die Verbindung zwischen Subjektivismus und Nihilismus herstellt.
Man findet ihn in Nietzsches Texten in aller Deutlichkeit: Was nur Wert hat in der jetzigen Welt, das hat ihn nicht an sich, seiner Natur nach – die Natur ist immer wertlos –: sondern dem hat man einen Wert einmal gegeben, geschenkt, und wir waren diese Gebenden und Schenkenden.1 (Hervorhebung von uns)
Im Laufe der nietzscheanischen Texte begegnet man dann immer wieder der Aussage, dass die Welt ohne jeglichen Wert sei: Wer uns das Wesen der Welt enthüllte, würde uns allen die unangenehmste Enttäuschung machen.2

Der berühmte Verdacht Nietzsches scheint also nicht unbedingt dem Ziel zu dienen, den Nihilismus aufzuspüren, um ihn zu bekämpfen – er kann ebenso gut eine Waffe des Nihilismus sein: Denn der Mensch ist ein verehrendes Tier! Aber er ist auch ein mißtrauisches: und daß die Welt nicht das wert ist, was wir geglaubt haben, das ist ungefähr das sicherste, dessen unser Mißtrauen endlich habhaft geworden ist. So viel Mißtrauen, so viel Philosophie.3

Nietzsche gibt sogar in einem bemerkenswerten Abschnitt – den wir aus diesem Grund vollständig zitieren möchten – Hinweise darauf, wie man das Fehlen von Wert in der Welt „ertragen“ könne.
Zunächst stellt er die Frage: Was man den Künstlern ablernen soll. – Welche Mittel haben wir, uns die Dinge schön, anziehend, begehrenswert zu machen, wenn sie es nicht sind? – und ich meine, sie sind es an sich niemals! (Hervorhebung von uns).

Die Antwort besteht darin, sich von den Ärzten und Künstlern inspirieren zu lassen: Hier haben wir von den Ärzten etwas zu lernen, wenn sie zum Beispiel das Bittere verdünnen oder Wein und Zucker in den Mischkrug tun; aber noch mehr von den Künstlern, welche eigentlich fortwährend darauf aus sind, solche Erfindungen und Kunststücke zu machen.

Die Künstler verwischen die Farben, verändern den Blickwinkel, schaffen Distanz zwischen sich und dem Objekt; so gelingt es ihnen, dieses erträglich zu machen: Sich von den Dingen entfernen, bis man vieles von ihnen nicht mehr sieht und vieles hinzusehn muß, um sie noch zu sehen – oder die Dinge um die Ecke und wie in einem Ausschnitte sehen – oder sie so stellen, daß sie sich teilweise verstellen und nur perspektivische Durchblicke gestatten – oder sie durch gefärbtes Glas oder im Lichte der Abendröte anschauen – oder ihnen eine Oberfläche und Haut geben, welche keine volle Transparenz hat: das alles sollen wir den Künstlern ablernen und im übrigen weiser sein als sie. Denn bei ihnen hört gewöhnlich diese ihre feine Kraft auf, wo die Kunst aufhört und das Leben beginnt; wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein, und im Kleinsten und Alltäglichsten zuerst.4

Man erkennt: Nietzsche lässt seinen Nihilismus deutlich erkennen. Er spricht der realen Welt jeden Wert ab – und das, obwohl genau dies sein Vorwurf an das Christentum war: Diese reine Fiktions-Welt unterscheidet sich dadurch sehr zu ihren Ungunsten von der Traumwelt, daß letztere die Wirklichkeit wiederspiegelt, während sie die Wirklichkeit fälscht, entwerthet, verneint. […] Jene ganze Fiktions-Welt hat ihre Wurzel im Haß gegen das Natürliche (– die Wirklichkeit! –), sie ist der Ausdruck eines tiefen Mißbehagens am Wirklichen ... Aber damit ist Alles erklärt. Wer allein hat Gründe, sich wegzulügen aus der Wirklichkeit? Wer an ihr leidet.5

Wenn Nietzsche die Wirklichkeit nicht erträgt, weil sie keinen Wert hat, könnte man meinen, er behaupte den Wert des Unwirklichen, also des Traums, des Ideals. Doch auch das trifft nicht zu: Wenn wir »Enttäuschte« sind, so sind wir es nicht in Hinsicht auf das Leben: sondern, daß uns über die »Wünschbarkeiten« aller Art die Augen aufgegangen sind. Wir sehen mit einem spöttischen Ingrimm Dem zu, was »Ideal« heißt.6

Wenn sich der Wert weder in der Realität noch in der Irrealität findet – wo dann? Nirgends. Wo liegt also der Unterschied zum Nihilismus, den wir – erinnern wir uns – definiert haben als die Behauptung: „Nichts hat einen Wert“?
Dies führt Nietzsche womöglich zu einem ungeheuren Eingeständnis: Daß ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen bin, das habe ich mir erst seit Kurzem eingestanden: die Energie, der Radikalismus, mit dem ich als Nihilist vorwärts gieng, täuschte mich über diese Grundthatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, so scheint es unmöglich, daß »die Ziellosigkeit an sich« unser Glaubensgrundsatz ist.7 Nietzsche bezeichnet sich also selbst als Nihilist, obwohl seine Lehre ursprünglich als Kampf gegen den Nihilismus auftrat. Er beschreibt sich nun als der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, – der ihn hinter sich, unter sich, außer sich hat.8

Dieses Eingeständnis scheint uns in Wahrheit ein Eingeständnis des Scheiterns zu sein – des Scheiterns des schöpferischen Subjektivismus, dem Nihilismus etwas entgegensetzen zu können. Indem er den Grundsatz des Letzteren übernimmt, die Welt von jeglichem Wert entleert, gewährt der Subjektivismus dem Nihilismus zu viel, als dass er ihm später noch widersprechen könnte. Tatsächlich ist die einzige axiologische Position, die dem Nihilismus entgegentreten kann, diejenige, die sich auf dessen Terrain begibt, ihn widerspricht und behauptet, dass die Welt an sich und durch sich selbst einen großen Wert besitzt: der Objektivismus.

Um das letzte Charakteristikum des schöpferischen Subjektivismus zu erfassen, müssen wir nun die Idee in Betracht ziehen, die ihm innewohnt: Nicht die Welt hat einen ihr innewohnenden Wert – der Mensch ist es, der ihn ihr verleiht. Es ist dieser ungeheuerliche menschliche Hochmut, dieser absolute Anthropozentrismus, den wir nun zu untersuchen gedenken.


1. Die fröhliche Wissenschaft, §130
2. Menschliches, Allzumenschliches, I, 1, §29
3. Die fröhliche Wissenschaft, § 346
4. Ibid., § 299
5. Der Antichrist, 15
6. Der europäische Nihilismus, 16
7. Ibid., 25
8. Der europäische Nihilismus, I, 1, 2