Eine Seite über Ethik und Wertphilosophie

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e) Der zeitgenössische Subjektivismus

Im 20. Jahrhundert erlebt der Subjektivismus eine neue Blüte – sowohl in seiner klassischen als auch in seiner schöpferischen Ausprägung. Im begrenzten Rahmen dieser Überlegungen beschränken wir uns darauf, zwei Hauptströmungen zu skizzieren, die diese Erneuerung tragen.

Der Mensch ist Freiheit – und für Sartre scheint dies unvereinbar mit der Existenz eines Wertes, der der Welt aus sich selbst zukäme (obwohl Freiheit bei ihm paradoxerweise durchaus mit Faktizität vereinbar ist, also mit der Existenz gegebener Dinge, über die die Freiheit verfügen kann). Daraus ergibt sich: Der Wert kann sich nur einer aktiven Freiheit offenbaren, die ihn durch die bloße Anerkennung als solchen existent macht. Daraus folgt, dass meine Freiheit das einzige Fundament der Werte ist und dass nichts, absolut nichts mich dazu rechtfertigt, diese oder jene Wertordnung zu übernehmen.1

Andererseits findet sich eine Wiederkehr des klassischen Subjektivismus in der Kritik, die der Emotivismus von A. J. Ayer und C. L. Stevenson an moralischen Begriffen übt. Diese Begriffe haben für sie keinen kognitiven Sinn – das heißt, sie schreiben keinem Gegenstand ein objektives Prädikat zu, sondern bringen lediglich subjektive Gefühle wie Ekel oder Bewunderung zum Ausdruck. So hat beispielsweise „das ist schlecht" keine andere Bedeutung als ein bloßes „Pfui" oder „Buuh". Diese Doktrin, die sich – gewollt oder nicht – auf die frühen Arbeiten Wittgensteins (und zuvor Carnaps) stützt, denen zufolge moralische Begriffe bedeutungslos sind, gelangt zu denselben Schlussfolgerungen wie der klassische Subjektivismus, der behauptet, Qualitäten seien bloße subjektive Projektionen, die fälschlich auf eine objektive Welt übertragen werden.

Dieser Subjektivismus findet sich auch bei zahlreichen zeitgenössischen Autoren, die sich auf ganz unterschiedliche Argumente stützen, um eine solche Position zu verteidigen. So geht Lavelle vom moralischen Sprachgebrauch aus und sieht in ihm bereits den Beweis für die Wahrheit des Subjektivismus: Dass der Wert niemals in den Dingen liegt, sondern in der Tätigkeit, die sich ihnen zuwendet und sie verwandelt, das zeigt sich schon in einem Ausdruck wie: 'etwas zur Geltung bringen'.2

Im Allgemeinen wird – wie schon bei Spinoza – das Begehren als Hauptursache der Subjektivität der Werte angesehen: Der Wert der Dinge besteht in ihrer Fähigkeit, Wünsche zu wecken, und da der Wert proportional zur Stärke des Begehrens ist, muss man zugeben, dass der Wert seinem Wesen nach subjektiv ist.3
Ein Spinozist wie Misrahi leitet daraus eine subjektivistische Definition des Wertens ab: Ein Akt, durch den man 'berechnet' und den Wert eines Gegenstands oder einer Handlung bestimmt. Dieser Akt scheint die Objektivität der Kriterien vorauszusetzen, also Werte, die es erlauben, den Wert eines Menschen oder einer Handlung zu messen und zu beurteilen. In Wirklichkeit ist das Werten aber vor allem und zuerst der Akt, durch den das Bewusstsein Werte setzt, das heißt, Ziele erfindet und bestimmt, die als würdig gelten, verfolgt zu werden, und anderen als Handlungsziele vorgeschlagen werden können. Diese Schöpfung von Werten ist der ursprüngliche Akt, der das empirische Werten erst ermöglicht. Das kreative Werten ist somit der Gründungsakt der Ethik.4

Zahlreiche objektivistische Autoren werden schließlich die Hauptthese des Subjektivismus übernehmen, bevor sie mühsam versuchen, dennoch eine gewisse Objektivität im Wertbegriff zurückzugewinnen. So räumt etwa Raymond Ruyer ein: Es ist unmöglich, einen Wert zu beschreiben, ohne dabei einen Handelnden, ein Subjekt einzubeziehen – außer im Rahmen einer vorübergehenden Fiktion. In diesem genauen Sinne ist der Wert subjektiv. Ein Ideal ist das Ideal eines Subjekts. Der Wert oder die Gestalt eines wertvollen Objekts wird von einem Subjekt erfasst. Was wären das Komische, das Anmutige oder das Nützliche in einer unbewussten Welt ohne Subjekte oder Subjektivität?5 Anhand einer Analogie zu den sekundären Qualitäten – wie etwa der Farbe – versucht Ruyer dann zu zeigen, dass die Werte dennoch in gewisser Weise mit der Objektivität verbunden bleiben.

Die verschiedenen Formen, die der zeitgenössische Subjektivismus angenommen hat, im Einzelnen zu untersuchen, würde hier zu weit führen. Doch scheint uns, dass wir nun über ein hinreichend genaues Bild vom Subjektivismus – in beiden von uns unterschiedenen Bedeutungen – verfügen, um zur Prüfung seiner Berechtigung überzugehen. Kann man sich mit dem Subjektivismus zufriedengeben? Verkörpert er diejenige axiologische Position, die die Wertproblematik endgültig lösen würde – sofern sie überhaupt einer Lösung zugänglich ist?


1. Das Sein und das Nichts, Erster Teil
2. Traité des valeurs, livre I, 1ère partie, chapitre 1, section 1
3. Ehrenfels, System der Werttheorie, Leipzig, 1897 et Ribot, Logique des sentiments
4. Qu’est-ce que l’éthique ? Armand Colin, Paris, 1997, Glossaire analytique, « Evaluation », p.242
5. Philosophie de la valeur