Eine Seite über Ethik und Wertphilosophie

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c) Die spinozistische Radikalisierung

Wenn man bei Hobbes die Kindheit des axiologischen Subjektivismus erblickt, so könnte man – um die Metapher weiterzuführen – bei Spinoza das Reifestadium dieser Lehre erkennen, sofern man eine Radikalisierung als Form der Reifung begreift. Denn es scheint, dass Spinoza die hobbesianischen Intuitionen radikalisiert und zu ihrer Vollendung führt.

Eine solche Radikalisierung zeigt sich in dem bekannten Satz aus der Ethik: Wenn wir etwas anstreben, es wollen, begehren oder wünschen, dann tun wir das nicht deshalb, weil wir es für gut halten, sondern umgekehrt: Wir halten es für gut, weil wir es anstreben, wollen, begehren oder wünschen.1

Bereits bei Hobbes findet sich dieser Gedanke: Alles, was Gegenstand von Begierde oder Verlangen eines beliebigen Menschen ist, ist für diesen Menschen gut; und was Gegenstand seines Hasses oder Widerwillens ist, nennt er schlecht.2
Doch bei Hobbes war zugleich die Vorstellung leitend, dass das Verlangen des Menschen nach etwas durch das Vergnügen angeregt werde, das diese Sache ihm zu bereiten vermag. Was bei Hobbes primär ist, ist nicht das Begehren, sondern das Vergnügen. Und dieses Vergnügen ist mit der Natur des Objekts verknüpft: Es gibt Dinge, die an sich angenehm oder unangenehm sind, weil sie – wie wir sahen – unsere vitale Bewegung fördern oder hemmen. Die Wünsche und Abneigungen des Menschen bleiben bei Hobbes also an ein gewisses Maß an Objektivität gebunden.

Bei Spinoza hingegen wird das Begehren zur primären Instanz, aus der sich dann die Zuschreibung von Qualitäten wie „gut", „schlecht", „angenehm" oder „unangenehm" ergibt: Ich begehre etwas, also finde ich es angenehm. Welche Rolle dem Objekt dabei noch zukommt, ist kaum auszumachen – außer die eines neutralen Trägers unserer Projektionen. Zum Vergleich sei nochmals Hobbes zitiert: Jeder Mensch nennt das gut, was ihm angenehm ist, und nennt das schlecht, was ihm missfällt.3

Versucht man auch hier, diese moralische These axiologisch zu übersetzen – denn Spinoza formulierte seine Absichten zweifellos in moralischen Begriffen –, so lässt sich vermuten, dass er sagt: Nicht der Wert einer Sache weckt unser Begehren, sondern das Begehren erschafft den Wert.

Wie Hobbes bleibt auch Spinozas klassischer Subjektivismus ein nicht-schöpferischer: Das heißt, der Mensch projiziert fälschlich Qualitäten auf die Welt, die diese in Wirklichkeit nicht besitzt – er erschafft sie nicht. So heißt es: Gut und Böse existieren nicht in der Natur.4 Jedes moralische Urteil ist daher bedeutungslos: Man braucht nur nicht zu verstehen, um zu moralisieren.5

A. Comte-Sponville weist auf den Unterschied hin, den Spinoza zwischen Wahrheit einerseits und Moral bzw. Wert andererseits macht: Es gibt keine Moral aus Gottes Sicht – aber keine Menschlichkeit ohne Moral. Hier entsteht zwangsläufig eine Kluft zwischen Theorie und Praxis. Eine wahre Idee, insofern sie wahr ist, ist in mir und in Gott dieselbe; aber ein Wert ist es nicht (Ethik, I, Anhang): Jede Wahrheit ist absolut, jeder Wert ist relativ (II, 11, Korollar, und 32–34).6

Diese Radikalisierung verleiht dem axiologischen Subjektivismus nach unserem Verständnis seine volle Ausprägung, durch die er sich am deutlichsten vom Objektivismus absetzt. Daher sehen wir im spinozistischen Moment den Reifepunkt des klassischen Subjektivismus.


1. Die Ethik, III, 9, Scholium
2. Leviathan, I, VI
3. Hobbes, Human Nature, VII
4. Kurzer Traktat, I, 10 und II, 4
5. Deleuze, Spinoza: Praktische Philosophie
6. Dictionnaire d’Ethique et de Philosophie morale, article « Spinoza »