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II/ Die Liebe als Schlüsselbegriff der Axiologie


1/ Neuerarbeitung des Liebesbegriffs


Der Versuch, auch nur einen groben Überblick über die Reflexionen zu geben, die die Philosophen der Liebe gewidmet haben, ist natürlich unangebracht und geht weit über unsere bescheidenen Kompetenzen hinaus – auch wenn manche gerade die Bedeutung solcher Reflexionen in Zweifel ziehen: Die Liebe nimmt einen bevorzugten Platz in den Schriften von Dichtern, Romanciers und selbst Theologen ein, doch nur wenige Philosophen haben sich mit ihr befasst.1

Man erinnere hier dennoch an Descartes’ gelehrte Analyse, der anmerkt, dass die Liebe gut für die Verdauung sei: Ich bemerke an der Liebe [...] dass der Pulsschlag gleichmäßig und viel größer und stärker ist als gewöhnlich; dass man eine sanfte Wärme in der Brust verspürt, und dass die Verdauung der Speisen im Magen sehr rasch erfolgt, sodass diese Leidenschaft für die Gesundheit nützlich ist.2

Auch ist hier nicht der Ort, sich mit den theologischen Lehren zu befassen, die versucht haben, die Natur der Gottesliebe zu denken, wie jene von Augustinus oder Thomas von Aquin, oder mit der berühmten theologischen Kontroverse zwischen Fénelon und Bossuet über die Frage, ob es eine reine Liebe zu Gott geben könne (ohne Berechnung seitens des Gläubigen in Bezug auf eine mögliche Belohnung).

Tatsächlich hat die „Liebe“, von der wir hier sprechen werden, nur wenig mit der Vorstellung zu tun, wie sie im Alltagsverständnis gemeint ist, und auch wenig mit den vielfältigen Bedeutungen, die sie in der Philosophie angenommen hat. Was wir vornehmen möchten, ist zugleich eine Erweiterung des Bereichs der Liebe und eine wesentliche Veränderung ihres Verständnisses – auf eine Weise, die sie zu etwas ganz anderem werden lässt. Diese Neukonzeption des Begriffs der Liebe ist selbstverständlich nicht willkürlich, und wir werden versuchen, sie zu rechtfertigen.

Die Idee, die wir also verteidigen möchten, lautet: Entgegen der traditionellen Auffassung ist die Liebe nicht grundlegend ein Gefühl zwischen zwei Geistern; zum einen ist sie nicht nur ein Gefühl, sondern auch etwas ganz anderes, und zum anderen kann sie jeden sinnhaften Gehalt zum Gegenstand haben = X, einschließlich materieller oder immaterieller Begriffe, also Seinsweisen, die weder Leben noch Geist besitzen. Diese Erweiterung des Bereichs der Liebe möchten wir nun vornehmen.


1. C. Habib, Dictionnaire d’éthique et de philosophie morale, article « amour »
2. Abhandlung über die Leidenschaften der Seele, Zweiter Teil, art. 97