Eine Seite über Ethik und Wertphilosophie

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Nach Husserl gelangt man schließlich zu Th. Lessing. Während Husserls Schriften zur Ethik und zur formalen Axiologie eher vernachlässigt wurden (zugunsten seiner spezielleren phänomenologischen Arbeiten), nahm einer der Zuhörer seiner Seminare, Th. Lessing, die Gedanken seines Lehrers auf und entwickelte ein ähnliches Projekt in einem Werk mit dem Titel Studien zur Wertaxiomatik – allerdings ohne jeglichen Verweis auf Husserl, was zu einem etwas angespannten Briefwechsel zwischen beiden führte, da sich Husserl um seine Überlegungen gebracht sah.

Lessing identifiziert mehrere axiologische Axiome nach dem Vorbild mathematischer Axiome.

Man unterscheidet zunächst die Konstitutionsaxiome:
Identität: „Wert X“ = „Wert X“
Widerspruch: „Wert X“ hat als Gegensatz „Nicht-Wert von X“
Tertium non datur: Entweder hat „X“ einen Wert oder „X“ hat keinen Wert.

Dann lassen sich Additionsaxiome feststellen:
(Wert a + Wert b) > Wert a
(Wert a – Wert b) < Wert a

Damit verbunden sind:
Axiome der Kommutativität: Wert a × Wert b = Wert b × Wert a
Axiome der Assoziativität: (Wert a + Wert b) + Wert c = Wert a + (Wert b + Wert c), usw.

Dies führt zu den drei von Lessing vorgeschlagenen Abhängigkeitsaxiomen, darunter etwa:
„Wenn der Wert von a vom Wert von b abhängt, dann hat b einen höheren Wert als a“ – was die Aufstellung eines Prinzips der Hierarchisierung erlaubt.

Auch hier zeigt sich: Diese axiologischen Axiome gehören dem Bereich der logischen oder mathematischen Gesetze an, angewandt auf Werte. Auf ihnen lässt sich somit eine wirklich objektive Wissenschaft der Werte aufbauen – eine Objektivität, die dadurch gewährleistet ist, dass sie sich nicht auf irgendein unbegründetes Werturteil stützt.
Diese Axiome legen die formalen Regeln fest, die Werturteile einhalten müssen, damit sie sich zu Argumentationen verbinden lassen. Sie sagen jedoch nichts über den Inhalt der Werturteile selbst aus: Durch sie wissen wir, dass „der Wert von a“ multipliziert mit „dem Wert von b“ gleich „der Wert von b“ multipliziert mit „dem Wert von a“ ist – doch wir wissen nicht, was „a“ oder „b“ überhaupt sein könnten, das heisst: was einen Wert haben kann.