Diese Axiome haben Husserl stark interessiert, der in seinen Vorlesungen über Ethik und Wertlehre das Projekt einer formalen Axiologie im eigentlichen Sinne ausgearbeitet hat, während Brentano sich letztlich auf die Formulierung von Axiomen beschränkt hatte.
Husserl stellt die Hypothese einer Analogie zwischen theoretischer oder judicativer Vernunft und praktischer Vernunft auf. Wenn man den Parallelen zwischen Logik und Ethik folgt – oder der Parallele zwischen den Arten von Vernunft, auf die sich diese Disziplinen wesentlich beziehen, nämlich auf die judicative Vernunft einerseits und die praktische Vernunft andererseits – dann drängt sich der Gedanke auf, dass der Logik im engen Sinne einer formalen Logik auch eine formale und gleichfalls apriorische Praxis im analogen Sinne entsprechen muss
1.
Die Sphäre der Praxis umfasst für Husserl sowohl die Ethik als auch das Bewerten im weiteren Sinne. Das führt zu der Idee einer formalen Axiologie als einer formalen, apriorischen Disziplin der Werte, oder auch der Wertinhalte und Wertbedeutungen – einer Disziplin, die aus wesentlichen Gründen eng verflochten ist mit der formalen Praxis
2.
Man muss also, um zu prüfen, ob die Analogie zwischen theoretischer und praktischer Sphäre Bestand hat, untersuchen, ob sich formale ethische und axiologische Gesetze aufdecken lassen.
Es geht also darum, die Axiologie zu formalisieren, das heißt – wie es D. Pradelle zusammenfasst –: alle inhaltlichen oder materialen Bestimmungen der Werte außer Acht zu lassen, ihren Inhalt auszuhöhlen, um lediglich die leere Wertform des Wertes überhaupt zu betrachten
3.
Eines der Ergebnisse, zu denen Husserl gelangt, ist, dass das Prinzip des ausgeschlossenen Dritten (entweder ist eine Tür offen, oder sie ist geschlossen – A oder Nicht-A, ein Drittes gibt es nicht) sich nicht auf die formale Axiologie übertragen lässt. An seine Stelle tritt das Prinzip des ausgeschlossenen Vierten: Eine Sache hat entweder einen positiven Wert, oder einen negativen, oder gar keinen Wert: Im axiologischen Bereich existieren drei grundlegende Wertmodalitäten – der positive Wert, der negative Wert und der neutrale oder gleichgültige Wert (adiaphoron)
4.
Husserl wird sodann eine Reihe formaler axiologischer Gesetze formulieren, häufig in Anlehnung an Brentano, etwa dieses: Ein reines Gut hat mehr Wert als ein Gut, das mit einem Übel vermischt ist. Doch wir müssen zur Betrachtung der formalen Axiologie als allgemeinem Projekt zurückkehren, anstatt uns der Untersuchung einzelner Ergebnisse zuzuwenden, zu denen sie geführt haben könnte.
1. Vorlesungen über Ethik und Wertlehre (1908–1914), I, §1
2. Ibid.
3. Ibid, Vorwort
4. Ibid.