Eine Seite über Ethik und Wertphilosophie

französische Flagge

Wir haben soeben gesehen, worin für diese Theorien das axiologische Problem besteht: Gibt es Beziehungen zwischen den Werten oder nicht? Mit anderen Worten: Das Problem der Werte ist für sie nicht das ihrer Begründung, sondern das ihrer Verbindung. Es geht nicht um die Fundierung dieser Werte – tatsächlich wird von diesen Autoren nie in Frage gestellt, dass das Schöne, das Wahre, das Gute tatsächlich Werte seien; sie nehmen dies als selbstverständlich hin.
Vielleicht kann man daher sagen, dass ihnen das Problem der Werte fremd geblieben ist – denn für uns liegt es gerade darin, dass man keinen Wert als selbstverständlich anerkennen darf, und dass die axiologische Untersuchung eben darin besteht, herauszufinden, was überhaupt einen Wert hat – und was nicht. Diese Theorien versuchen also gar nicht, das Problem der Werte zu lösen: Für sie gibt es in Wahrheit gar kein Problem. Sie bleiben – in ihrer Sicherheit – taub für das, was sich dem forschenden Denken widersetzt.

Doch das grösste Versäumnis dieser Theorien besteht nicht nur darin, dass sie unser Problem nicht einmal aufgreifen – sie hindern uns sogar daran, es zu stellen. Denn sie verfälschen den Sinn des Begriffs, den wir eigentlich verwenden müssen: des Begriffs Wert – und führen zu jenem begrifflichen Widersinn, den der Ausdruck Werte im Plural darstellt. Die Hypothese, die wir stattdessen vertreten möchten, lautet: Der Begriff Wert hat nur im Singular einen Sinn. Dazu müssen wir die verschiedenen Schritte des Argumentationsgangs nachvollziehen, der diese Theorien zu ihrem Ergebnis geführt hat.

Zunächst wird – mit Recht – festgestellt, dass viele sehr unterschiedliche Dinge einen Wert haben können: ein Gemälde, Mut, Stolz usw. Doch sodann folgt – unmerklich – ein logischer Kurzschluss: Diese Dinge, die einen Wert haben, werden nun selbst als Werte bezeichnet. Mit anderen Worten: Was einen Wert hat, wird selbst zum Wert erklärt. So geht man über vom Verb haben zum Verb sein, ohne jede Begründung. Aus „X hat einen Wert“ wird: „X ist ein Wert“. Da X – wie wir gesehen haben – sehr viele Dinge sein kann, schliesst man daraus, dass es eine Vielzahl von Werten gibt. Das heisst: Man leitet zu Unrecht die Vielzahl von Wertarten aus der Vielzahl der Gegenstände ab, die einen Wert haben. Diese Schlussfolgerung ist jedoch unzulässig – denn sie beruht auf einer eigentümlichen grammatischen Verwechslung zwischen dem Verb sein und dem Verb haben. Doch zwischen den beiden besteht ein entscheidender Unterschied: Es ist eben nicht dasselbe, zu sagen: „Der Mensch hat eine Nase“ – und zu sagen: „Der Mensch ist eine Nase“…

Andererseits wird, da das betreffende X, von dem man sagt, dass es einen Wert hat – oder sogar ist –, meist eine Eigenschaft ist (schön, gerecht, gut), der Wert mit der Eigenschaft verwechselt. Diese Verwechslung müssen wir nun untersuchen, denn sie ist die zweite Ursache dafür, dass der Wert im Plural gedacht wird.
Unter Eigenschaft verstehen wir eine traditionell als wertvoll geltende Eigenschaft: schön, witzig, intelligent, nützlich, effizient, praktisch, schlicht – all das sind Eigenschaften. Die Theorie, der wir widersprechen, behauptet, dass jede dieser Eigenschaften eine eigene Art von Wert hervorbringe; so sei die Eigenschaft schön nichts anderes als der ästhetische Wert, oder die Eigenschaft gut entspreche dem moralischen Wert.
Man muss sich jedoch die unmittelbare Konsequenz dieser Idee bewusst machen – eine Konsequenz, die unserer Meinung nach gravierend ist: nämlich die vollständige Auflösung des Begriffs Wert. Denn dann bestünde die Auseinandersetzung mit Werten einzig darin, zu fragen, ob etwas gut oder nicht gut ist, schön oder nicht schön – kurz: ob eine bestimmte Sache eine bestimmte Eigenschaft besitzt oder nicht.

Uns hingegen scheint, dass die Untersuchung der Werte ein ganz anderes Ziel verfolgt: Sie fragt nicht, ob eine bestimmte Handlung moralisch ist (ob sie einen moralischen Wert besitzt), sondern ob die Moral überhaupt einen Wert hat oder nicht. Sie fragt nicht, ob ein Gegenstand schön, praktisch oder nützlich ist – sondern, ob Schönheit, Zweckmässigkeit oder Nützlichkeit an sich einen Wert besitzen. Allgemeiner gesagt: ob all diese Eigenschaften Wert haben. Wenn man jedoch zugibt, dass wir den Wert all dieser Eigenschaften untersuchen müssen, dann gibt man zugleich zu, dass der Wert etwas anderes ist als die Eigenschaft – etwas, das eine Eigenschaft haben kann, das sie aber nicht selbst ist.
Die Eigenschaft unterscheidet sich also im Wesentlichen vom Wert, insofern sie einen Wert haben oder nicht haben kann – das, was besitzt, ist verschieden von dem, was besessen wird. Der Wert erscheint damit als etwas, das sich nicht auf eine Eigenschaft reduzieren lässt – als eigenständige Entität, die für sich gedacht werden muss: Der Wert tritt in Erscheinung, wo er vorher verschwand.